Wer über mich als Künstler etwas wissen will, der soll meine Bilder aufmerksam betrachten und daraus zu erkennen suchen, was ich bin und was ich will.

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Kreative Kraft – Kann Kunst heilen?

Immer mehr Wissenschaftler*innen wie z.B. auch der Neurowissenschaftler Eric Kandel beginnen sich für die heilsame Wirkung der Kunst zu interessieren.

Obwohl die Kunsttherapie seit langem sowohl in der Akutmedizin als auch im Reha- und im prophylaktischen Bereich etabliert ist, sind qualitativ hochwertige Wirksamkeitsstudien noch rar. Ähnlich verhielt es sich mit der Psychotherapie Mitte des 20. Jahrhunderts, als die Nachweisbarkeit über ihre Wirkung in Zweifel gezogen wurde. Inzwischen gibt es ausreichende Beweise darüber, dass die Psychotherapie wirkt. Forscher gehen davon aus, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis auch für Kunsttherapie belastbare Ergebnisse über die Wirksamkeit vorliegen.

Wissenschaftler der University of Haifa untersuchten 2017 alle seit 2000 veröffentlichten Studien über Wirksamkeit der Kunsttherapie. Das zusammenfassende Ergebnis ergab, dass sich Verhalten und die Stimmung speziell bei Depression und Demenz verbessern. Ebenso zeigte sich, dass eine kreative Betätigung das Wohlbefinden von Krebs- und HIV-Patienten steigert.

Psycholog*innen der Drexel University in Philadelphia untersuchten 2016 die Wirkung einer 45-minütigen Kunsttherapiesitzung an 39 gesunden Probanden und fanden heraus, dass bei dreiviertel der Proband*innen der Kortisolspiegel, und damit die Konzentration des Stresshormons, nach nur 45 Minuten Kunsttherapie sank.

In seinem Buch “Das Zeitalter der Erkenntnis – Die Erforschung des Unbewussten in Kunst, Geist und Gehirn von der Wiener Moderne bis heute”, erörtert Eric Kandel die Zusammenhänge von Kunst und ihrer heilsamen Wirkung sowohl beim bildnerischen Gestalten als auch bei deren Betrachtung.

Neurowissenschaftler und Hirnforscher wie Eric Kandel, Edward Vessel, David Eagleman und weitere, haben mit ihren Forschungen gezeigt, dass beim Betrachten und dem eigenen Erzeugen von Kunst ein weit verzweigtes Netz von Hirnarealen, das sogenannte Ruhezustandsnetzwerk bzw. Grundzustandsnetzwerk, aktiviert wird. Durch diese synchrone Aktivität der Hirnareale kann die darin enthaltenen Informationen ausgetauscht und so Erinnerungen, Zusammenhänge und Fakten neu verknüpft, Pläne durchdacht und damit das tägliche Leben gemeistert werden. Dieses reizunabhängige Denken bildet die Grundlage für viele komplexe, kognitiv anspruchsvolle Hirnleistungen und fördert so das kreative Verknüpfen von Ideen sowie die Problemlösungsfähigkeit.

Georg Franzen, der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für künstlerische Therapieformen, hebt die Vorzüge der Kunsttherapie, die auch ohne Worte auskommt, insbesondere für schwer depressive Menschen wie folgt hervor: „Diese Patient*innen haben manchmal Probleme damit, ihr Leid in Worte zu fassen. In der Kunsttherapie können sie eine Katharsis erleben, die den Leidensdruck so weit senkt, dass eine Psychotherapie erst möglich wird.“ Darüber hinaus regen die gestalterische Beschäftigung mit dem Kunstwerk und das Kunstwerk an sich, als Spiegel des Innenlebens, zum sprachlichen Austausch an und ermöglichen eine Betrachtung bei gesunder Distanz.

Dieses Mitbestimmen und Aktiv-werden fördert die Selbstwirksamkeit. Die Patient*innen üben sich darin, sich wieder etwas zuzutrauen, auszuprobieren, Mut zu fassen und nachzujustieren. Das sogenannte ‚Probehandeln‘ fördert das Sicherheitsgefühl und schult die Fähigkeit Probleme anzugehen und zu lösen.

 

 Kunsttherapeutische Begleitung 

 

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Quellenverzeichnis:
Eagleman, D.: The Brain, 2019
Franzen, G. (Hg.): Kunst und seelische Gesundheit. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 2009
Hartmann, C.: Malen gegen die inneren Dämonen. In: Gehirn & Geist Nr. 02/2020
Kaimal, G. et al.: Functional near-infrared spectroscopy assessment of reward perception based on visual self-expression: Coloring, doodling, and free drawing. The Arts in Psychotherapy 55, 2017
Kaimal, G. et al.: Art therapist-facilitated open studio versus coloring: Differences in outcomes of affect, stress, creative agency, and self-efficacy. Canadian Art Therapy Association Journal 30, 2017
Kandel, E.: Das Zeitalter der Erkenntnis. Die Erforschung des Unbewussten in Kunst, Geist und Gehirn von der Wiener Moderne bis heute, 2018
Kandel, E.: Was ist der Mensch? Störungen des Gehirns und was sie über die menschliche Natur verraten, 2019
Regev, D., Cohen-Yatziv, L.: Effectiveness of art therapy with adult clients in 2018 – What progress has been made? Frontiers in Psychology 9, 2018
Schönfeld, G.: Tagträumen ist keine Zeitverschwendung, sondern eine lebenswichtige Hirnfunktion. In: Neue Züricher Zeitung vom 09.11.2019

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